Die Suche nach meinem Vater


Mit 29 Jahren ermutigte mich Philippe, der Pastor der Gemeinde in München, meinen Vater zu suchen. Damit sprach er einen Wunsch aus, der seit langem in meinem Herzen weilte. Ich hatte meinen Vater noch nie in meinem Leben gesehen, aber ich kannte seinen Namen und hatte auch seine Adresse. Meine Mutter hatte mir nie viel von ihm erzählt. Sie sagte nur, dass er früher ein Zuhälter war. Und ich wusste, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte. Er hatte sich stets geweigert für mich Unterhalt zu leisten.

Am 13. 06. 1997 machte ich mich voller Erwartung nach Mainz auf den Weg, in die Stadt, in der er lebte und in der ich geboren wurde. Viele Gedanken liefen mir durch den Kopf. Wie wird er mich empfangen? Will er überhaupt etwas von mir wissen? Mein Vater wohnte in der Mainzer Innenstadt. Er hatte eine Zwei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock des Dachgeschosses. Aufgeregt klingelte ich an der Haustüre und ging die Treppen hoch. Er öffnete die Wohnungstüre. Ich sagte ihm, dass ich sein Sohn sei und dass meine Mutter Anja* heiße. Er wusste sofort wer ich war und ließ mich in seine Wohnung.
* Name geändert

Mein Vater war damals 56 Jahre alt. Er lag die meiste Zeit über im Bett, konnte nur schwer laufen. Er war ein Ganove wie er im Buche steht. Nebenbei hörten wir den Mainzer Polizeifunk ab. Er erklärte mir, was die verschlüsselten Abkürzungen bedeuteten. Griffbereit lag in seinem Bett ein geladener Gasrevolver. Sein körperlicher Zustand war jedoch sehr schlecht. Vor vier Jahren versuchte sich mein Vater das Leben zu nehmen. Er stürzte sich aus dem vierten Stock seiner Wohnung und schlug auf den Straßenbelag des Gehweges auf. Wie durch ein Wunder überlebte er. Was folgte, waren unzählige Operationen. Sein gesamter Unterleib wurde in Mitleidenschaft gezogen, die Leber zerriss, die Rippen, Wirbelsäule und das Becken waren gebrochen. Wegen eines Harnröhrenabrisses musste ein Blasenkatheter eingesetzt werden. Er hatte sich trotz seiner schweren Verletzungen relativ gut erholt, litt jedoch immer noch unter großen Schmerzen, die er nur mit starken Schmerzmitteln lindern konnte.

Wir unterhielten uns lange, er erzählte mir von seiner Zeit mit meiner Mutter und dass er sie wirklich liebte, was auch immer er unter Liebe verstand. Er war sein ganzes Leben lang Zuhälter gewesen. Stolz zeigte er mir Polaridphotos mit seinen nackten Frauen. Später schaute er sich die Samstagsnacht-Sexfilme im Fernsehen an.

Welch Ironie des Schicksals? Mein Vater ein Ganove, sein Sohn ein Polizist. Er ein Zuhälter, der schon unzählige Frauen gehabt hatte, ich hatte noch nie Geschlechtsverkehr, bevor ich meine Frau geheiratet hatte. Durch seinen Selbstmordversuch wurde sein wohl wichtigstes Körperteil zerstört, sein Sexualorgan, wofür er sein Leben lang lebte.

Sex allein macht nicht glücklich. Es befriedigt vielleicht den Körper, vernachlässigt aber die Seele. Was zurück bleibt, ist eine unendliche Leere, welche zu dem Selbstmordversuch meines Vaters führte.

Der Unterschied zwischen uns war mein Glaube an Jesus Christus. Ich fragte ihn, was er von Jesus denkt. Er äußerte lediglich, dass er sich nicht vorstellen könne, dass das mit der jungfräulichen Geburt Jesu so abgelaufen ist. Da war mir klar, dass er alles über Jesus wusste oder gehört hatte. Wir sprachen nicht weiter darüber.

Während wir miteinander redeten, hatte ich ständig seinen Körper gemustert. Ich suchte nach Gemeinsamkeiten, um mich zu überzeugen, dass er wirklich mein Vater ist. Und ich fand etliche.

Ich übernachte bei ihm. Am nächsten Tag gingen wir ein bisschen am Frankfurter Flughafen spazieren. Nachdem ich ihn wieder heim brachte, ging es wieder zurück nach München. Zum Abschied schenkte er mir noch seine alte gebrauchte Lederjacke.

Ich war froh, dass ich meinen Vater gefunden hatte. Er hatte Angst gehabt, dass ich ihm die Nase einschlage, weil er sich nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht hatte.

Tage später fand ich folgenden Brief in meinem Briefkasten:

Hallo Sam (mein lieber Sohn)!
Es hat mich sehr gefreut, Dich mal kennen zu lernen - und jetzt sind bei mir "jede Zweifel" weggeräumt! Bestimmt hast Du irgendwann Zeit, mit Anja richtig über uns und den Besuch zu sprechen. Hoffentlich nimmt sie die Sache gut auf und ist nicht mehr sauer auf mich. Ideal wäre es natürlich, wenn ich Anja, falls sie es will, auch einmal persönlich besuchen könnte. Habe mich schon mit dem Gedanken befasst, nach München zu ziehen! Ich werde mal mit meinem Pfleger sprechen. Herzliche Grüße an Anja und Dich!
Winni

Ich hatte mich sehr über seine Nachricht gefreut.

Am 26.06.1997 rief mich ein Kollege des Polizeireviers an, in dem ich arbeitete und bat mich auf die Wache zu kommen. Ich ahnte zwar schlimmes, wusste aber nicht um was es geht. Bei ihm angekommen, fragte er mich, ob ich einen Winfried Vogler kenne. Ich antwortete, dass das mein Vater ist. Er überbrachte mir die Todesnachricht des Polizeipräsidiums Mainz. Ich musste weinen. Mein Vater hatte sich das Leben genommen. Sein zweiter Selbstmordversuch war erfolgreich gewesen. Er war wieder aus dem vierten Stock der Wohnung gesprungen. Die Polizei kam auf meinen Namen, weil er mich in seinen handschriftlichen Notizen als "sein Sohn" tituliert hatte.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Nach 29 Jahre lerne ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Vater kennen und dann kenne ich ihn nur eine Woche. Ich fragte Gott: "Herr, warum?" Gott zeigte mir, dass er es so geführt hatte, dass ich ihn noch einmal kennen lernen konnte, bevor er starb. Gott hatte seinen ersten Selbstmordversuch scheitern lassen, um mir die Gelegenheit zu geben, mit ihm zusammen zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit.

Die wenigen intimen Dinge, die mir mein Vater sagte, waren enorm wichtig für mich. Er liebte mich und nannte mich seinen Sohn. Dafür werde ich Gott immer dankbar sein.

Wieder zwei Tage später lag sein Abschiedsbrief in meinem Briefkasten:

Hallo mein Sohn Sam!
Wenn Du diesen Brief erhältst, so werde ich nicht mehr leben. (Suizid)! Schau mal, was habe ich für eine Zukunftsperspektive? Täglich Schmerzen, fast immer allein, laufender Stress wegen der Rezepte für Schmerz und Schlafmittel. Nun lieber ein Ende mit Schrecken als ein (viele) Schrecken ohne Ende! Bitte bringe es Anja sehr schonend bei! Sag ihr, dass ich oft an sie dachte und sie lieb hatte. Schade, dass wir uns nur so kurz kannten! Trotzdem Du bist ein lieber Kerl "Bur"! Am besten vergiss mich!
Dein Winni

Meinen Vater werde ich nie vergessen. Ich werde ihn immer in guter Erinnerung behalten. Später erzählte ich meiner Mutter davon. Sie hat es nicht richtig zur Kenntnis genommen oder wollte es nicht wahrnehmen.

Ich möchte Jesus Christus von ganzem Herzen danken, dass ich meinen Vater kennenlernen durfte, dass er es ermöglicht hat, dass ich ihn wenigstens einmal in meinem Leben sehe. Gott sei all die Ehre.